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Gelungenes Leben

Gestern feierte mein ältester Patient seinen 93. Geburtstag. Toll. Wie jedes Monat kam er zur "Aufladung" seiner Batterien, wie er es nennt. Natürlich haben wir von ganzem Herzen gratuliert. Der betagte Herr ist immer noch gut zu Fuss und geniesst sein Leben, so gut es eben geht. Ich freue mich jedes Mal ihn zu sehen, denn vor allem von den älteren Patienten und Patientinnen lerne ich ganz viel. So musst ich ihm einfach die Frage stellen: Herr A., was ist ihr Geheimniss Ihres langen Lebens? Er lächelte nur und meinte:"Es kommt nicht auf die Länge an. Aber ig glaub es isch mir glungä."

 

Ein gelungenes Leben? Schöner Ausdruck und eine klare Bezeichnung für das, worauf es anscheinend ankommt. Die Tage die uns auf diesem Planet geschenkt sind so zu leben, dass man an deren Ende einfach zufrieden ist.

 

Was macht ein Leben zu einem "gelungenen" Leben?

 

Hat es mit Gesundheit zu tun? Man sagt doch, ohne Gesundheit ist alles nichts! Oder etwa mit Liebe? Bezieht sich ein gelungenes Leben auf Materielles?

 

"Was meinen Sie damit, fragte ich Herrn A. Er lächelte verschmitzt und antwortete: "Man muss zufrieden sein". Wie weise!

 

Wussten Sie, dass die Frage nach dem gelungenen Leben schon die alten Griechen beschäftigt hat. Sie haben dafür den Begriff Eudaimonia verwendet. Ziel war, ein Leben zu führen, bei dem man das Glück nicht von äusseren Faktoren erhofft, sondern es in sich selbst findet, in dem man sich nach den Grundsätzen einer philosophischen Ethik verhält. Der epikureische Weise kann im Seelenfrieden leben, weil er gelernt hat, seinen Begierden Grenzen zu setzen, die Furcht vor dem Tod los zu lassen und den Schmerz als zum Leben gehörig zu akzeptieren.

 

Ist es nicht erstaunlich, dass eine Lehre, die mehr als zweitausend Jahre alt ist immer noch topaktuell sein kann? Fragen wir uns angesichts der Fülle an Möglicheiten und Alternativen nicht auch, woran wir uns orientieren sollen? Welches Leben das «gute» oder "richtige" ist? Zumindest meine Patientinnen und Patienten stellen sich diese Fragen. Vor allem dann, wenn sie feststellen, dass sie das Tempo und die Jagd nach dem Glück im Beruf, im Privatleben und in der Freizeit in den Rand des Ertragbaren bringt.

 

Sind es nicht oft unsere Bedürfnisse, die uns im Weg stehen. Bedürfnisse, die Epikur schlichtweg als Begierden bezeichnet hätte. Die Vorraussetzung für ein gelungenes Leben ist also eine vernünftige Abwägung unserer Bedürfnisse.

 

Was wollen wir wirklich?

Was brauchen wir wirklich?

 

Ich möchte Sie hier und jetzt zu einem kleinen Experiment einladen: Stellen Sie sich vor, sie sind 92 Jahre. Es ist Ihr Geburtstag. Ihre Kinder und Freunde sind gekommen um zu gratulieren. Ihr Partner oder Ihre Partnerin sitzt an Ihrer Seite und jeder der Gratulanten erzählt eine kleine Geschichte über die Höhepunkte in Ihrem Leben. Was möchten Sie da gerne hören???? Nehmen Sie sich Zeit und träumen Sie jetzt schon von Ihre "gelungenen Leben". Es könnte sehr spannend werden, was Sie dabei über sich entdecken. Lassen Sie sich überraschen. Und bedanken Sie sich mit einenm Lächeln bei Herrn A.

 

 

 

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