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Vom Ankommen und Abreisen

Gestern haben wir in der Praxis recht viele Papiertaschentücher verbraucht. Nein, es ging dabei nicht um triefende Heuschnupfen-Nasen, sodern um gaaanz grosse Tränen. Abschieds-Tränen, wenn Sie es genauer wissen wollen.

 

"Frau Brunner", schniefte die Patientin, "Ich verstehe das nicht. Jedes Mal wenn mein Liebster zurück in seine Heimat fährt, bricht es mir fast das Herz. Warum kann ich mich nicht daran gewöhnen, dass er nach ein paar schönen Tagen wieder in seine Heimat muss. Ich weiss doch, er hat dort seine Firma und kommt bei der nächsten Gelegenheit wieder? Jezt geht das schon eine ganzes Jahr lang so und immer bricht für mich eine Welt zusammen. Dabei weiss ich doch, dass er mich liebt?"

 

Wenn Frau Brunner nicht mehr weiter weiss, was macht sie dann? Sie überlegt, was Konfuzius dazu sagen würde.

 

Was du liebst lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir für immer, ist seine Antwort.

 

Nun, zuerst hat meine liebe Patientin grosse Augen gemacht, dann hat sie noch einmal nach ihrem Taschentuch gegriffen und kräftig hineingeschneuzt und ganz langsam, hat sich ein Lächeln auf ihrem noch von Tränen nassen Gesicht ausgebreitet.

 

"Sie haben recht, wie immer", meinte sie nur. "Liebe kann man nicht fest halten. So wenig, wie man einen schönen Tag oder sein Leben fest halten kann. Damit machen wir uns auf Dauer nur unglücklich".

 

"Wissen Sie", schniefte sie noch einmal," meist bin ich schon am Vorabend der Abreise traurig und kann auch oft schon den Nachmittag davor nicht  mehr richtig geniessen. So kann es passieren, dass ich einen ganzen Tag mit meinem voraus eilenden Abschiedsschmerz  kaputt mache. Ich kann ja auch den Schmetterling nicht festhalten vor lauter Liebe, er würde kaputt gehen. Das was ich in mir fühle, kann ja gar nicht verloren gehen, ich trage es ja in meinem Herzen stets bei mir.

 

Ich glaube wenn ich es schaffen würde, .mehr im Augenblick zu leben, müsste ich weniger leiden und mein Liebster und ich könnten auch noch den Abschied wirklich geniessen, Schiesslich verstehen wir uns ja gut und wollen uns wieder sehen.

 

Wow. Was für eine Antwort. Ich glaube Konfuzius hätte seine Freude daran.

 

Nächste Woche bin ich im Rahmen einer Weiterbildung in Wien und werde dort meine Sohn Emanuel treffen, der in meiner alten Heimatstadt lebt. Vielleicht kann mir der Rat des weisen Meisters Konfuzius dann auch helfen, wenn wir wieder einmal am Bahnsteig stehen. Und der Zug zur Abfahrt pfeifft.

 

Ich werde auf jeden Fall versuchen, den Moment des Abschieds zu geniessen und meinen grossen, lieben, fröhlichen Sohn fest in die Arme schliessen. Und?? Wann haben Sie die nächste Gelegenheit los zu lassen? 

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Kommentare: 2
  • #1

    Esther (Freitag, 20 April 2018 13:01)

    Das ist super gut grsagt auch wenn man manchmal sich für immer verlässt ..
    danke für die schöne Geschichte

  • #2

    Emi (Freitag, 20 April 2018 13:57)

    Also ich muss schon sagen... Konfuzius hat es echt drauf.
    So ein Kaffekränzchen mit Kunfuzius, Epiktet und Heraklit wär schon was...

    Gibt's vermutlich sogar laufend, aber wir können halt erst ein bisschen später dabei sein. Auch nicht schlimm... man muss scheinbar eben loslassen können. ^^