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Haben oder Sein?

Gestern hatte ich ein intensives Gespräch mit einer Patientin: "Frau Brunner, fragte sie mich, was hat das alles für einen Sinn? Ich habe das Gefühl mein ganzes Leben besteht nur noch aus Stress. Ständig laufe ich irgendeinem Ziel hinterher. Da hab ich mich durch die Schule geboxt, ein langwieriges Studium absolviert und nun, wo ich nach der Kindererziehung  wieder in meinen Beruf einstiegen möchte bekomme ich nur Absagen. Ich bin entweder zu alt, zu unerfahren, überqualifiziert. Ich passe nie. Und wenn ich auf meine Kinder schaue, passiert ihnen das Gleiche. Sie lernen so viel sie nur können, nur damit sie sich als Erwachsene einmal ein gutes  Leben leisten können. Ständig geht es um Erfolg, Konkurrenz, Ziele die noch zu erreichen sind. Wenn ich daran denke, dass der Stress erst nach der Schule so richtig los geht??  Ist das alles, was wir vom Leben erwarten dürfen?"

 

Mein Freund Laotze würde dazu sagen: Der Weg zum Tun, ist zu sein.

 

Naja, werden Sie denken, der hatte noch keine Ahnung vom heutigen Leben. 300 vor Christus gab es noch nicht einmal die Glühbirne. Heute geht das nicht so einfach.

 

Sind Sie sicher???

 

Vor 42 Jahren ist ein wunderbares Buch des Psychoanalytikers Erich Fromm erschienen: "Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft." Für mich ist dieses Werk ein Weg-Weiser zu einem Leben, das sich nach dem Sein ausrichtet und nicht nach dem Haben-Wollen. Keine Angst, es geht dabei nicht darum, dass wir nun auf alles verzichten. Aber wir sollten uns doch hin und wieder fragen, was der Sinn unseres Lebens noch sein könnte, ausser haben und konsumieren. . Was ist wirklich wesentlich im Leben? 

 

Ist es möglich, dass wir zu Sklaven unseres Wohlstands geworden sind? Ist es nicht an der Zeit endlich zuzugeben, dass wir nicht so glücklich sind, wie wir tatsächlich vorgeben? Die Statistik verrät, dass Depressionen vor allem in Ländern mit grossem Wohlstand am höchsten sind! Dabei ist " Geiz doch geil!" und "Kaufen macht glücklich!" Oder doch nicht? 

 

Natürlich ahnen oder wissen wir, dass wir so nicht weiter machen können. Aber warum fällt es uns dann so schwer, den neuen sinnvolleren Weg einzuschlagen?

 

Zu einem der wesentlichen Charakterzüge, die helfen können, den Weg zu Sein einzuschlagen zählt Fromm : "...glücklich zu sein in diesem Prozess stetig wachsender Lebendigkeit, denn so bewusst und intensiv zu leben, wie man kann, ist so befriedigend, dass die Sorge darüber, was man erreichen oder nicht erreichen könnte, gar nicht erst aufkommt. "

 

Sie möchten wissen, was ein erster Schritt in die richtige Richtung sein kann: Nehmen Sie sich täglich ein paar Minuten Zeit für sich selbst und stellen Sie sich eine der folgende Fragen: Was macht mich wirklich glücklich? Was berührt mein Herz? Bei welchen Tätigkeiten vergesse ich alles rings um mich? Mit welchen Menschen fühle ich mich ganz im Hier -und -Jetzt?

 

Nehmen Sie sich Zeit bis sie die richtige Antwort finden. Sie werden es spüren wenn sie da ist. Sie zeigt sich vielleicht als ein Lächeln, als leichtes Herzklopfen oder als warmes Gefühl im Bauch. Auf jeden Fall wird es sie glücklich machen, einfach zu sein. So wie meine Patientin, die kurz bevor Sie nach Hause ging meinte: Wissen Sie, Frau Brunner, wenn ich nachdenke, habe ich gar keine Lust in einem Büro meine Lebenszeit zu verbringen. Damit ich mit dem Geld die Putzfrau und die ungesunden Kantinen-Essen für meine Kinder bezahlen kann?  Dabei koche ich für mein Leben gerne. Da kann ich gleich zu Hause bleiben und das machen, was für uns alle gut ist. 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Emi (Samstag, 02 Juni 2018 13:11)

    Wie immer ein sehr inspirierender Blog. Haben oder sein, ist wohl eine der wichtigsten Fragestellungen unserer Gesellschaft heutzutage. Krass, dass soviel Menschen nicht verstehen, dass diese beiden Worte zueinander tatsächlich im Wiederspruch stehen...

  • #2

    Huschi (Samstag, 02 Juni 2018 16:54)

    Liebe Gitti
    2009 hatte ich einen Schlaganfall, Gott sei Dank keine bleibenden Schäden. Ich habe nur positive Gedanken und kann mich über Kleinigkeiten freuen. Lebe sehr bescheiden bin aber glücklich dabei. Stress tut mir nicht gut.

  • #3

    Brigitte (Samstag, 02 Juni 2018 17:21)

    Liebe Huschi du bist ein wunderbares Vorbild für die Fähigkeit in uns, an Anforderungen zu wachsen. Herzlichen Dank für deinen wertvollen Beitrag.