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Glück im Unglück

Was für ein wunderschöner Tag war das vorgestern. Erinnerst Du dich? Der Himmel war strahlend blau und von Basel bis Wien keine einzige Wolke zu sehen. In der Praxis war es angenehm kühl und alles lief wie am Schnürchen. Als die Mittagspause herankam beschloss ich spontan, einer Patientin die bestellten Kräuter vorbei zu bringen. Mit dem Fahrrad natürlich.

 

"Marina", sagte ich, "in einer halben Stunde bin ich wieder zurück. Ich  muss mich einfach bewegen. Es ist so schön draussen!." Schnappte mir den Umschlag mit den Kräuter und schwang mich aufs Velo (so heisst das Fahrrad bei uns in der Nordwest-Schweiz.)

 

Wie auf Flügeln schwebte ich dahin an diesem wundervollen Sommertag und nachdem ich die Kräuter abgeliefert hatte, machte ich mich zurück auf den Weg ins Dorfzentrum. 

 

Brav hielt ich mich dabei an den gut markierten Fahrradweg und war ganz stolz auf mich, als ich bei der Ampel rechts von einem LKW zu stehen kam und keinerlei Velostress empfand. Als die Ampel auf Grün sprang, liess mir der Fahrer die Vorfahrt und entspannt machte ich mich auf die letzten Meter zu meinem Ziel.

 

"Wie gut", dachte ich noch, "gibt es hier so einen breiten Fahrradstreifen" . Denn die Busspur war auch für Velos gekennzeichnet.

 

Tja, und genau im nächsten Moment rammte mich eine unglaublich starke Kraft an der linken Hüfte, zerrte mein Velo nach links und  und machte es unmanövrierbar. Mein Kopf knallte gegen etwas Hartes und in der gleichen Sekunde spürte ich, dass mich der LKW mit seinem rechten Vorderreifen erfasst hatte und einige  Meter weiter mit sich schliff. 

 

Als ich langsam wieder wusste wie mir geschehen war, befand ich mich in den Armen einer lieben älteren Dame, die mich beruhigte. Ich war wie durch ein Wunder dem Sog des LKW^s entkommen und am rechten Strassenrand genau vor der Apotheke in Therwil gelandet. Nur 200 Schritte von meiner Praxis entfernt. Welcher Schutzengel mich an diesem Tag auch begleitete: er hatte Humor und Herz.

 

Die Apothekerin brachte mir ein Glas Wasser, man stellte mir einen Stuhl auf den Gehweg und so konnte ich sitzend auf die Polizei warten. Welch Segen! Im Nebel des Adrenalin-Schocks bekam ich auch mit, dass ein Gemeindemitarbeiter fragte, ob ich Hilfe brauchte und selbstlos begann, den Verkehr zu regeln. Danke an den emphatischen jungen Mann.

 

Als die Polizei eintraf hatte ich mich bereits mit Bachblüten beruhigt - unglaublich aber wahr, die Notfall Tropfen helfen immer!!! Jeder sollte sie in seiner Tasche oder jederzeit Griff bereit haben.

 

Dann stellte sich noch heraus , dass die liebe Dame, die ich unter dem ersten Schock gar nicht erkannte, eine Patientin von mir war. Nur, dass dieses Mal die starke Frau Brunner völlig hilflos und unter Schock war und selbst Hilfe benötigte. Und die bekam sie mit ganz viel Herz!

 

Heute Abend, ein par Stunden später und einige Schürfwunden und Prellungen mehr bin ich schlichtweg dankbar. Das Bewusstsein, dass ich jetzt auch schwer verletzt in einer Klinik den Sommerbeginn begrüssen hätte können macht mich demütig. Zu merken, dass der eigenen Körper  zerbrechlich ist und zwar sehr zerbrechlich hat mich erinnert, dass die GEetze des Lebens auch für mich gelten. Ein Schock, einzusehen, dass man nicht unverwüstbar ist.

 

Es ist eben nicht selbstverständlich, dass alles immer gut ausgeht. Eigentlich ist es fast unglaublich wie lange wir unversehrt durch dieses Leben kommen. Ist das nicht ein unglaubliches Glück?

 

"Glück im Unglück, hätte meine Mutter dazu nur gesagt. Wie recht sie hatte wird mir erst jetzt bewusst.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Emi (Samstag, 23 Juni 2018 08:13)

    Ganz toll geschrieben,
    Ganz toll ausgegangen.

    Ein Hoch auf Lao Tse!