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Tagestruktur hilft

Während zu Beginn der Corona-Krise die meisten von uns damit beschäftigt waren WC-Papier zu hamstern,  Kellerregale mit Spaghetti und Sugo zu füllen und so gut es ging zu leugnen, dass wir uns auf harte Zeiten vorbereiten müssen, zeigen sich bei manchen Menschen bereits erste Zeichnen eines emotionalen Tiefpunkts.

 

Wenn ich höre und lese, wie schwer es vielen fällt aus der "geschenkten Zeit" etwas zu machen fällt mir eine berühmte Studie ein, die ich als junge Psychologin durcharbeiten musste. Es geht um die Studie der österreichischen Soziologen Paul Lazarsfeld und  Marie Jahoda, die 1932 die Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit in einem burgenländischen Dorf untersuchten. Die Studie  "Die Arbeitslosen von Marienthal"  wurde berühmt. Das ganze Dorf war von der Schliessung einer Fabrik betroffen, bereits ein halbes Jahr vor der grossen Krise 1929!

 

Aber das Schlimmste war nicht die schlechte Ernährung oder der Mangel an Kleidern oder sonstigen Verbrauchsgegenständen. Das Schlimmste war die Unfähigkeit der Betroffenen, mit der Zeit, die Ihnen vermehrt zur Verfügung stand, sinnvoll umzugehen. Hier wohl die berühmteste Stelle aus dem Buch:

 

"Wer weiss, mit welcher Zähigkeit die Arbeiterschaft seit den Anfängen ihrer Organisation um die Verlängerung der Freizeit kämpft, der könnte meinen, dass in allem Elend, der Arbeitslosigkeit die unbegrenzte freie Zeit für den Menschen doch ein Gewinn sei. Aber bei längerem Zusehen erweist sich diese Freiheit als tragisches Geschenk."

(Taschenbuch: Die Arbeitslosen von Marienthal.Suhrkamp Verlag, 1975)

 

Vor allem für die Männer endete diese Phase sehr schnell im Nichtstun. Sie fühlten sich nicht mehr als nützliches Mitglied der Gesellschaft und entwickelten im Laufe der Zeit eine apathische Lebenshaltung. Sogar die Geschwindigkeit , mit der die Menschen die 300 m lange Dorfstrasse entlang gingen, veränderte sich. Frauen gingen die gleiche Strecke im Schnitt 1,5 Mal schneller als Männer. Der Grund: Sie hatten noch viele sinnvolle Tätigkeiten zu verrichten wie Hausarbeit, Nahrungsmittel zu besorgen. Auf die strasse gehen bedeutete für sie, Besorgungen zu machen. Bei den Männern bedeutete auf die Strasse zu gehen, "die Zeit totzuschlagen".

 

Daraus lernen wir wie wichtig ist, dem was wir tun einen Sinn zu geben. Schaffen Sie sich eine Tagesstruktur, vom Duschen am Morgen, über das Kochen bis zum Lesen am Nachmittag. Bestimmt haben auch Sie Projekte die Sie immer schon angehen wollten, jetzt ist die Zeit dazu. Nehmen Sie sich die Zeit und machen Sie eine Liste von all den Dingen, für die Sie in den letzten Jahren nie Zeit hatten: der Brief an die beste Freundin, das Strickprojekt, Fotoalbum. Die Kräuterspirale im Garten.

 

Mein ältester Sohn gehört zur Hochrisikogruppe und ist seit drei Wochen zu Hause in seinem Homeoffice. Er hat zu tun, aber auch nicht den ganzen Tag. Ben, der so gerne Essen ging lernt jetzt sich selbst zu bekochen. Wer hätte das gedacht!

 

Was gibt es in Ihrem Leben, das Sie nun lernen könnten?

 

Bleiben Sie gesund!

Brigitte Brunner

 

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