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Haare als Symbol in Zeiten von Corona

Drei Wochen alleine zu Hause und man kommt auf seltsame Ideen. Die Optimisten beginnen mit einem Sprachkurs in Schwedisch, Pessimisten perfektionieren ihre Vorratslisten und Realisten verstecken die Personenwaage im hintersten Eckchen ihrer Behausung. Wer will in diesen Tagen mit dem tragischen Ergebnis seiner Quarantäne-Bemühungen konfrontiert werden.

 

In welche Gruppe ich mich einreihen soll weiss ich noch nicht so genau. Nach dem heutigen Morgen würde ich mich allerdings als Optilistin bezeichnen. Halb Optimistin, halb Realistin. Der Grund: Nachdem mich Schwester Nr. 2 vor ein paar Tagen beim Familien-Meeting per Zoom als "Hexe" bezeichnet hat und ich diese Bezeichnung nach der Überprüfung des beigelegten Schnapschusses nicht  zur Gänze ausschliessen konnte, zumindest optisch, musste ich zur Tat schreiten.

 

Mein schulterlanges, graues Haar zeigte alle Anzeichen wochenlanger Vernachlässigung. Zähmen lies es sich seit Kindertagen noch nie, aber dieses Foto meiner Haarpracht war eindeutiger, als mir lieb war: Gestrüpp wäre wohl die exakte Bezeichnung gewesen!

 

Ja, eigentlich wollte ich schon zum Friseur gehen, seit Wochen schon. Aber da war viel zu tun in der Praxis. Ich verschob auf die nächste Woche. Und die nächste. Und dann kam Corona. Und meine Schwester mit dem Beweisfoto! 

 

Noch im Pyjama suchte ich nach meiner Haushaltsschere, lächelte mir mutig im Spiegel zu und begann das Gestrüpp zurecht zu schneiden. Oder zu stutzen. Ohne die Haare vorher zu waschen. Im trockenen Zustand ging das eigentlich ganz gut. Grössere Lücken sind nicht entstanden, auch meine Ohren sind noch heil.

 

Nun nach dem Haarewaschen sieht es gar nicht so übel aus, das Gekringel auf meinem Kopf! Irgendwie gefällt es mir sogar, amüsiert mich und wirkt auf eine leichte Art befreiend: Wer sagt denn, das wir immer perfekt herumlaufen müssen. Unperfekter Haarschnitt als Symbol loszulassen in Zeiten von Corona. Warum denn nicht?

 

Übrigens hatte das Kopfhaar  in allen Kulturen und Zeitaltern  eine besondere symbolische Bedeutung. Während die Hippies ihre Haare als Protest wachsen liesen, färbten die Punks ihre Haare bunt als Protest gegen gesellschaftliche Ordnungsmuster. In vielen Kulturen wurde nach Beschaffenheit der Haare auf die persönliche Lebenskraft geschlossen und Haare stehen auch als Symbol für Macht und Stärke. So war langes Haar in früheren Jahrhunderten das Kennzeichen eines freien und adeligen Menschen, während Gefangenen und Sklaven die Haare geschoren wurden. 

 

Wenngleich  ich wie so viele andere Menschen, derzeit zu Hause sein muss, als Gefangene des Corona- Virus fühle ich mich noch lange nicht. Noch kringelt sich das graue Haar wild und unbezähmbar auf meinem Eierkopf. So, als würde es mit seiner "Nicht-Perfektion"  fröhlich in die Welt hinaus winken und sagen:  "Corona, wir kriegen dich!"

 

Haben Sie einen guten Tag und bleiben Sie zu Hause!

Brigitte Brunner

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Brunner Joerg (Dienstag, 31 März 2020 16:07)

    Zum Glück hast du keinen Mohrenkopf geschnitten. Sieht also passabel aus. Wenn du dir dann die Haare �‍♀️ ausreißt , mache ich mir echt Gedanken.

  • #2

    Brigitte Brunner (Dienstag, 31 März 2020 18:58)

    Lieber Jörg,

    alles ok hier. Keine Sorge, vom Haare ausreissen bin ich noch weit entfernt!